Am 1. Oktober 2016 waren wir im Bayerischen Landtag auf einen Empfang für eherenamtliche Helfer eingeladen. 
Etliche Initiativen haben diesen Termin boykottiert – nicht zuletzt wegen der demagogischen und menschenverachtenden Äußerungen der CSU-Hardliner Andreas Scheuer, Markus Söder und Horst Seehofer. Da wird aus politischem Kalkül – wider besseren Wissens – am Rechten Rand gefischt und Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Zu Recht sehen viele Aktivisten darin eine schallende Ohrfeigen für sie als Bürger, die mit ihrem Engagement genau die Integrationsarbeit leisten, die immer wieder gefordert wird. 
Wir haben beschlossen trotzdem hinzugehen, weil wir glauben, dass wir jede Chance nutzen sollten, um zu zeigen, dass wir da sind, nicht so denken und helfen wollen. 
Wir glauben, die richtge Entscheidung getroffen zu haben. 
Verschiedene Institutionen und alle Fraktionen waren vertreten und stellten sich den Bürgern, unter anderem mit den Fraktionsvorsitzenden Markus Rinderspacher (SPD) und Margarete Bause (Die Grünen). Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) hielt eine beachtliche Rede vor den Helfern, die deutlich machte, dass es auch in der Regierungspartei ganz andere Positionen gibt. Sie würdigte unsere Arbeit als ein Beispiel für gelebte Demokratie und wies darauf hin, dass der Staat die Freiwilligen viel besser einbinden muss. 
Für uns war es eine gute Erfahrung, alte Freunde und andere Aktivisten zu treffen und Präsenz im Herzen der bayerischen Demokratie zu zeigen.  

 


Wie alles begann:

 

Wie bei so vielen Menschen ist bei mir Anfang September 2015 "das Fass übergelaufen".

Es reichte mir nicht mehr aus, mich gegen Hassbotschaften der rechten Szene lediglich im Netz zu wehren. Menschen schreiben Kommentare und vertreten Meinungen, die zutiefst unmenschlich und oft rassistisch sind. Kriegerische Handlungen erzeugen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge immer größeres Elend für die Zivilbevölkerung und plötzlich ist es nicht mehr anzüglich, dem rechten Rand der Gesellschaft zu folgen!

 

Ich bin unendlich dankbar, dass es in dieser Welt mehr "Gutmenschen" gibt, als es die Medien manchmal scheinen lassen und entschliesse mich, meine Stimme nicht nur im Netz zu erheben, sondern auch mit Taten gegen die rechten Menschenrechtsfeinde zu agieren.

 

Nachdem ich im September 2015 schon fast ein ganzes Jahr die Fürther Flüchtlingshilfe mit gesammelten Sachspenden unterstütze, kann ich die Nachrichten aus Röszke/Ungarn kaum ertragen. Dort entsteht durch den Grenzbau der Ungarn eines der ersten Gebiete, wo Fliehende festgesetzt werden und unter heftiger Polizeigewalt zu leiden haben. Keine der großen Organisationen (weder Rotes Kreuz noch UNHCR) sind vor Ort und die Menschen werden umzingelt und eingepfercht wie Tiere! Die Verwendung von Reizgas und Gummigeschossen wurde der ungarischen Armee von der Regierung erlaubt und sie macht umfangreich Gebrauch von diesen Mitteln.

 

Als absoluter Neuling in Sachen "Aktivist" finde ich im Social Web einen mittlerweile guten Freund und "Gesinnungsgenossen", der mir die nötigen Tipps gibt, um eine Hilfsaktion auf dem Balkan zu starten.

Andreas Einbeck, ein Münchner Filmemacher und Regisseur, der schon in Röszke/Ungarn aktiv war, hatte hilfreiche Tipps und Kontakte zu den Helfern vor Ort. Nachdem er mir eine Freundin als Mitfahrerin empfohlen hatte, ging die erste Reise nach nur kurzer Vorbereitung spontan los.

 

So ist er also am 18.09.2015 gestartet, der erste FRANKENKONVOI!

 

 

MENSCHEN FÜR MENSCHEN!


 

 

 

 

Die erste "Tour" (18.09.2015)

Tovarnik / Kroatien:

 

Nachdem wir die Nacht durchgefahren sind, kommen wir gegen 3 Uhr in Osijek an. Hier hat Sharon ein Apartment für uns gebucht und wir fallen nach der 1000 km-Tour müde auf die Matratzen.

 

Nach ein paar Stunden Schlaf starten wir an diesem sonnigen Samstag (Die Temperaturen steigen tagsüber noch auf bis zu 35°C!) zunächst mit einem Einkauf.

 

Der spontan veröffentlichte Geldspendenaufruf auf FB hat in nur zwei Tagen zu der überwältigenden Summe von 1000 € geführt und ich kann es kaum fassen, dass Menschen, die mich teilweise noch nie persönlich getroffen haben, soviel Vertrauen in mich haben.

 

Wir suchen also einen passenden Supermarkt, um dort für insgesamt 1000 € Lebensmittel und Wasser zu kaufen.

Nachdem der Bus mit Hilfe der supernetten Mitarbeiter des Marktes bis an die Decke mit den Hilfsgütern gefüllt ist, geht es die letzten 80 Kilometer bis nach Tovarnik. Als wir in dem kleinen Örtchen an der Grenze zu Serbien ankommen, beobachten wir, wie mitten auf der Hauptstrasse ein 30-Tonner-LKW des Roten Kreuzes entladen wird. Hier fragt unsere Übersetzerin Katharina nach dem Weg zu den Flüchtlingen.

Leider verweigert uns der unfreundliche Rot-Kreuz-Mitarbeiter jegliche Auskunft und verlangt sogar, dass wir unsere mit PRIVATEN SPENDENGELDERN finanzierten Hilfsmittel bei IHNEN abgeben!

Das ist der erste Moment, an dem ich auf die "Verhaltensweisen" der großen Organisationen aufmerksam werde. Zunächst möchte ich es gar nicht glauben, aber es wird mir im Laufe der nächsten Aktionen immer mehr bewusst, dass Korruption eine wichtige Rolle spielt.

 

Als wir dann endlich den Platz, an dem die Flüchtlinge feststecken, finden, wird mir ganz anders.

Ich habe so etwas in meinem bisherigen Leben noch nie erlebt und bin einfach nur geschockt: Mehr als 5000 Fliehende wurden in der Nähe des Bahnhofs Tovarnik am Ortsrand auf dem Gelände eines großen landwirtschaftlichen Betriebs festgesetzt.

Es ist 35° warm und die Menschen sehen teilweise sehr fertig aus. Zunächst wird uns von einem freiwilligen Mitarbeiter eines Kinderhilfswerks die Situation vor Ort erklärt und nach wenigen Minuten beginnen wir, uns in die Arbeit einzubringen.

JEDER findet spontan SEINE AUFGABE und es erinnert mich sehr an die Verhaltensweise eines Ameisenstaates.

Aus dem Nichts kommen ständig mehr Freiwillige an und jeder findet seine Aufgabe ohne viel Planung. Das Beispiel eines jungen Mannes, der mich nach Ankunft in Englisch fragt, wo er hlfen kann, symbolisiert das "Ameisenvolk" am besten.

Ich "teile" ihn zum Zeltaufbau "ein" und beobachte aus dem Augenwinkel, wie er einen Stein und ein Holzstück sucht (natürlich fehlt es an Baumaterial und Heringen, da alle eher Lebensmittel besorgt haben).

Nachdem er stolz mit den gefundenen Gegenständen auftaucht, haut sich der Arme zweimal dermassen kräftig auf die Hand, dass er schmerzverzerrt den Stein fallen lässt und sich fortan um das Broteschmieren in unserer "Küchenstation" kümmert.

 

Kein langes Reden, keine große Planung, nicht zu viele Häuptlinge, sondern viele, fleissige Indianer!

 

Auch das Beispiel Renato soll nicht unerwähnt bleiben. Er ist mit seiner Frau, einer Freundin und seinem kleinen Töchterchen aufgetaucht und kümmert sich sofort um den Zeltaufbau. Wir haben von Münchner Spendern ca. 50 kleine Zelte gespendet bekommen und sind dabei, eine kleine Zeltstadt wegen des bevorstehenden Wetterumschwungs zu errichten.

Renato ist der "Mc Gyver" unter den volunteers auf dem Platz und findet selbst in dem betonähnlichen Untergrund immer die richtige Lösung, um einen Erdnagel einzudreschen.

Seine kleine Tochter verbringt die meiste Zeit schlafend im Auto aber auch ein Kleinkind von unter einem Jahr will nicht immer nur schlafen. Also schnallt sich Renato kurzerhand die Tragehilfe um und ab jetzt ist die Kleine, bewaffnet mit einem Spielzeugschwert aus Plastik, immer an vorderster Front mit dabei.

Auch der in der Nacht einsetzende Regen hält das Team "Mc-Gyver" nicht auf und die Kleine hat einen riesigen Spass daran, mit Papa zusammen den Hilfsbedürftigen zu helfen.

 

Im Lager Tovarnik bleiben wir insgesamt 3 Tage. Wir nutzen die Zeit, um Lebensmittel in den umliegenden Märkten zu besorgen und eine Essens- und Kleiderausgabe aus den mitgebrachten Paletten und Zelplanen zu bauen. Das "Küchenzelt" ist innerhalb kürzester Zeit fest in Kroatischen Händen.

 

Die Dorfbevölkerung von Tovarnik steht sofort hilfsbereit auf dem Platz und viele junge aber auch ältere Dorfbewohner helfen mit.

Das ist besonders toll zu erleben, da mir eine gute Freundin vor meiner Abfahrt erklärt hat, dass diese Gegend noch sehr stark unter den Auswirkungen des Bosnienkrieges leidet und im Jahr 2014 eine schwere Überschwemmung das Leid der Menschen noch gesteigert hat. Trotzdem hört man im Ort niemals ein Wort gegen die Fliehenden - das genaue Gegenteil ist der Fall.